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Oliver Domröse
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Warum Hochsensible in Beziehungen immer wieder an Narzissten geraten

Fragst Du Dich manchmal, warum Du in Deinen Beziehungen immer wieder an Narzissten gerätst?

Wow! Damit hätte ich nicht gerechnet. Mein erster Artikel über die Ursachen, Merkmale und Therapierbarkeit eines pathologischen Narzissmus stieß auf sehr große Resonanz. Seit August hat er über 6.700 Aufrufe und mittlerweile 47 Kommentare. Aufgrund der anhaltenden Resonanz und den vielen Kommentare, möchte ich heute einen weiteren Artikel über Narzissmus veröffentlichen. Das Interesse daran scheint medial und öffentlich weiterhin groß zu sein, ebenso die Bandbreite an verschiedenen Erscheinungsformen von Narzissmus, über die man berichten kann. Auch ganz persönlich habe ich große Lust, mich weiterhin mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Nachdem ich im ersten Artikel auf die Entstehung und Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeit eingegangen war, einhergehend mit einem gewissen Verständnis für den Betroffenen, möchte ich im heutigen Beitrag den Schwerpunkt mehr auf die unheilvolle Anziehung von Hochsensiblen auf Narzissten legen. Es ist nämlich so, dass gerade in partnerschaftlichen Beziehungen wir feinfühligen und verständnisvollen Hochsensiblen oftmals an Narzissten geraten. Wir sind der ideale Partner. Ein Narzisst sucht einen Lebenspartner, der ihm unterlegen ist. Bei dem er treue Gefolgschaft und Bewunderung erwarten kann. Diese Charakterzüge kann ein Narzisst bei einer selbstbewussten und starken Persönlichkeit eher nicht erwarten, da er damit rechnen muss, dass seine Fassade auffliegt oder er einfach nur für sein Imponiergehabe belächelt wird.

Wenn ich im Folgenden der einfachhaltshalber von Narzissmus oder einem Narzissten spreche, meine ich damit ausschließlich Personen, bei denen man von einer pathologischen Form von Narzissmus ausgehen kann, einer sogenannten narzisstischen Persönlichkeit, was letztlich nichts anderes ist als eine klassifizierbare und schwerwiegende Persönlichkeitsstörung im Sinne des DSM. Also kein Pappenstiel, sondern wirklich gefährliche Personen. (in den USA werden Narzissten mittlerweile in einigen Verhaltensweisen mit Soziopathen/Psychopathen gleichgesetzt). Den Unterschied zu betonen, zwischen normalen, narzisstischen Tendenzen, die jeder von uns hat und einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung, ist mir nach wie vor ausgesprochen wichtig. Weil der Ausdruck „Narzisst“ mittlerweile allzu landläufig gebraucht wird.

Die Anziehung von Hochsensiblen auf Narzissten

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Rufen wir uns zunächst noch einmal ins Gedächtnis, welche Charakterzüge ein Narzisst an den Tag legt:

  • übertriebene Selbstbezogenheit
  • ausgeprägte Kränkbarkeit
  • Unfähig zu verzeihen
  • ein unersättliches Bedürfnis nach Anerkennung und Bewunderung
  • ein – zumindest zeitweise – ins Grandiose tendierendes Selbstbild
  • starke Schwankungen zwischen Idealisierung und Entwertung anderer
  • Kontrollbedürfnisse und Machtstreben
  • Vollkommene Kritikunfähigkeit
  • Angst vor Scham, Abhängigkeit, Trennung, Alleinsein, Abschied
  • Erschaffung einer alternativen (eigenen) Realität, in der sich alles nur um das eigene Selbst dreht (dessen Wichtigkeit, Herrlichkeit, Richtigkeit und Unfehlbarkeit)
  • Ausbeuterisches Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen (Beziehungen werden ausschließlich als Mittel zum Zweck angesehen, das gegenüber eher als ein Objekt als ein Individuum mit eigenen Gefühlen, Werten etc.)
  • Ausgeprägter Mangel an Einfühlungsvermögen (nicht in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, andere Meinungen, Gefühle, Werte, Sichtweisen anzuerkennen)
  • ein empfindlich gestörtes Selbstwertgefühl als tieferliegende Wunde, zu deren Behandlung die o.g. Bestrebungen, Abwehrmechanismen, Bedürfnisse dienen.

Ein Narzisst sucht in seinen zwischenmenschlichen Beziehung nach totaler Kontrolle und Perfektion, weil er nur dadurch sein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl kompensieren bzw. steuern kann, indem er durch ein geschicktes Masken- und Mimenschauspiel sein Gegenüber manipuliert und steuert. Nichts fürchtet er so sehr, als „entlarvt“ zu werden, was bedeutet, dass der Schmerz, die Leere und die Einsamkeit hinter seinen Masken in Erscheinung tritt. Dies wäre für ihn ein Gefühl wie sterben, da es ihn an die schmerzhaften Erfahrungen aus der frühen Kindheit erinnert, bei denen er oftmals mit seiner Scham, seinen Niederlagen und seiner Frustration von seinen engsten Bezugspersonen alleine gelassen wurde. Nichts fürchtet er mehr – und deshalb setzt er heute als Erwachsener alles daran, diese schmerzlichen Gefühle nie wieder fühlen zu müssen.

Dieser überzogene Anspruch ist natürlich in zwischenmenschlichen Beziehungen, allen voran in einer Paarbeziehung, nicht aufrechtzuerhalten. Zu jeder reifen und intimen Beziehung gehören Konflikte, Reibungen, Selbsterkenntnis, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist. Doch das möchte ein Narzisst nicht, insgeheim fürchtet er sich davor, wie der Teufel vorm Weihwasser. Kommt es doch zu Konflikten, was unvermeidlich ist, tritt die gekränkte Wut eines Narzissten auf den Plan. Nun kann es für den Partner sehr ungemütlich werden. Ein Narzisst kennt in dieser Phase kein Pardon. Er reagiert mit Arroganz, Schuldprojektion, Erniedrigung und Entwertung dem Partner gegenüber. Weitere Reaktionsmöglichkeiten können Rückzug, Schweigen, Flucht und Rachegefühle sein, bis hin zum Beziehungsabbruch (der dann meist schnell bereut wird) oder der ständigen Drohung einer Trennung.

Nach dieser Skizzierung mag es nicht verwundern, dass Narzissten sich oft Partner suchen, ob beruflich oder privat, die ein eher schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl haben, sich anpassen und unterordnen und sich gleichzeitig damit komplett selbst aufgeben. Und nun kommen wir Menschen mit einer hochsensiblen Veranlagung ins Spiel.

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Das entgrenzte Ich

In Beziehungen sind wir Hochsensiblen das perfekte „Opfer“ von ausgeprägten Narzissten. Warum? Weil Hochsensible eine Reihe von Charaktereigenschaften aufweisen, welche die Autorin Sylvia Harke einmal unter dem Begriff „entgrenztes Ich“  zusammengefasst hat.

Merkmale eines entgrenzten Ichs:

  • Stabiles Selbst, lässt sich jedoch schnell von sich und den eigenen Bedürfnissen ablenken
  • Stark beeinflussbar von äußeren Eindrücken, Menschen, Reaktionen
  • Altruismus, erweitertes Ich: Identifikation mit den Gefühlen (Leid) anderer
  • Damit einhergehend mangelnde Fähigkeit zwischen eigenen und fremden Gefühlen zu unterscheiden, sich abzugrenzen
  • Enormes Verantwortungsgefühl, wiederum oftmals mehr für andere als für sich selbst
  • Konfliktscheu
  • Eigene Meinung, wird bei Konflikten aber schnell unsicher und zieht seine Meinung zurück
  • Großes Harmonie- und Kompromissbedürfnis
  • In Beziehungen mit dominanten Partnern Probleme, eigene Wünsche und Standpunkte durchzusetzen
  • Vertraut zu wenig der eigenen Wahrnehmung und Intuition
  • Anfällig für Schuldgefühle

Alleine an dieser kurzen Aufzählung mag man schon erkennen, warum Narzissten sich in Beziehungen gerne Hochsensible aussuchen. Ein Narzisst sucht und braucht ständig Bestätigung und Bewunderung und setzt dafür Masken und vorgetäuschte Gefühle ein. Er ist ein wahrer Meister des Schauspiels und kann situationsbedingt innerhalb von Sekunden sein Verhalten ändern. Und wir Hochsensiblen, mit unserem großen Einfühlungsvermögen, Verständnis und Altruismus geben ihm genau diese benötigte Bewunderung. Ein Narzisst beschimpft und entwertet während eines Konflikts seinen Partner, die hochsensible Person lässt es sich aufgrund der großen konfliktscheu und der mangelnden Fähigkeit zur Abgrenzung gefallen. Ein Narzisst prallt mal wieder in seinem rechthaberischen und dominanten Tonfall über ein Ereignis, der Hochsensible hat eine andere Meinung dazu, traut sich aber nicht, diese zu äußern bzw. gegen den selbstherrlichen Redeschwall anzukommen.

Im Vergleich dazu einige Merkmale eines starken Ichs:

  • Hat ein stabiles Selbstwertgefühl und lässt sich von außen nicht leicht ablenken
  • Spürt und kennt seine Bedürfnisse, kann diese seiner Umwelt mitteilen
  • Weiß, wer er ist, was er kann und nicht kann
  • Weitesgehend unabhängig von anderen Meinungen, Bewertungen (Lob/Tadel)
  • Kann Konflikte auf sachlicher/objektiver Ebene austragen
  • Kann eigene Meinung in Diskussionen aufrechthalten und mitunter auch verteidigen
  • Fähigkeit zu einer gesunden Abgrenzung von belastenden Situationen/Personen
  • Fähigkeit Nähe und Autonomie in einer intimen Beziehung zuzulassen
  • Kaum noch das Bedürfnis, andere zu beeinflussen oder von etwas zu überzeugen
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Eine unmögliche Verbindung?

Als hochsensibler Mensch mit einem Narzissten in einer Beziehung zu sein, ist eine ständige Herausforderung, mitunter auch eine permanente Qual. Wenn beide in ihrem „Element“ sind, ist es wie Feuer und Wasser, wobei der Hochsensible dabei meist der Unterlegene ist. Falls es überhaupt eine Chance gibt, die Beziehung weiterzuentwickeln, ist das nur möglich, wenn der Hochsensible lernt, sich immer besser abzugrenzen, sich nicht auf die Schuldvorwürfe des Narzissten einzulassen und sich generell mehr in Richtung eines starken Ichs zu entwickeln.

Narzissten sind in der Regel äußerst uneinsichtig und therapieresistent. Ein ausgeprägter Narzisst wird solange wie irgend möglich sein Masken- und Kontrollspiel fortsetzen. Einzig alleine bei einer tiefgehenden narzisstische Krise, indem er zum Beispiel verlassen wird, sich immer mehr Leute von ihm abwenden, eine herbe (berufliche) Niederlage einfährt, besteht die Chance, dass sein Maskenspiel zusammenbricht und der dahinterliegende unsagbare Schmerz sich Bahn schlägt. Nun kann es zu seltenen Momenten von echter Authentizität kommen und nun könnte ein sensibler und gefestigter Partner ihn mit seinem Mitgefühl und seinem Verständnis auffangen, ja regelrecht empfangen. Ein ganz anderer Mensch kommt zum Vorschein. Es können (erste) Momente von echter Nähe, Vertrautheit und Verbundenheit entstehen – jenseits der jahrelang getragenen (Schutz-)Masken.

In allen anderen Fällen ist für einen hochsensiblen Menschen wohl eher ratsam, die Notbremse zu ziehen, einen letzten Rest Selbstfürsorge und Kraft aufzubringen, um sich aus einer dysfunktionalen Beziehung mit einem Narzissten zu lösen (auch wenn dabei die gekränkte Wut eines Narzissten geweckt wird). Nach einigem Abstand, trotz all der erfahrenen Kränkungen und Enttäuschungen, mag es sogar gelingen, darüber nachzudenken, was man aus dieser Beziehung über sich selbst gelernt hat, welche Reifung in der Persönlichkeit nun eintreten kann – oder schon eingetreten ist. Eine (ehemalige) Beziehung mit einem Narzissten auch als Chance zum Wachsen zu sehen.

Warst du schon einmal in einer Beziehung mit einem Narzissten?
Was hast du daraus gelernt?

 

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Quellenachweise:
Sylvia Harke: Hochsensibel – was tun? & Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet
Claude-Bettina Anhoeck: Diskurs über HSP im Vergleich mit NPS
Bilder: pixabay by geralt, unsplash by jens linder, unsplash by ryan moreno

Erstveröffentlichung am 21.10.2016 auf simplyfeelit.de