Hallo,
anbei meine Denkanstöße, formuliert aus meiner aktuellen Lernerfahrung heraus.
Vielen Dank fürs Lesen.
Selbstbildfindung und Stärkung des Selbstbildes
Was mir bei dieser Frage zuerst auffällt, ist, dass das Selbstbild eines hochsensiblen Hochbegabten oft nicht einfach nur aus dem eigenen Innenleben entsteht. Es bildet sich eher in einer ständigen Wechselwirkung zwischen eigener Wahrnehmung und äußerer Rückmeldung. Es geht also nicht nur um die Frage, wer ich bin, sondern auch darum, wie ich mich erlebe, wie ich meine Reaktionen deute und welchen Wert ich mir selbst gebe.
Gerade bei hochsensiblen Hochbegabten scheint dieses Selbstbild unter besonderen Bedingungen zu entstehen. Viele erleben sich früh als wach, intensiv, schnell im Denken oder irgendwie anders. Gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit meist hoch. Daraus entsteht leicht eine Spannung. Einerseits ist da eine starke innere Wahrnehmung, andererseits die Tendenz, sich anzupassen, um nicht aufzufallen oder anzuecken. Wenn dann über längere Zeit Rückmeldungen kommen wie zu empfindlich, zu kompliziert oder zu viel, dann bleibt davon meist etwas hängen. Das Selbstbild richtet sich dann leicht stärker nach außen als nach innen.
Gestärkt wird dieses Selbstbild für mich dort, wo jemand wieder mehr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung bekommt. Also nicht nur fragt, wie er besser funktionieren kann, sondern auch, was an ihm eigentlich stimmig ist. Dazu gehört, die eigene Intensität nicht vorschnell als Problem zu lesen. Dazu gehört auch, Stärken bewusster wahrzunehmen. Viele können sehr schnell benennen, was mit ihnen angeblich nicht stimmt. Deutlich schwerer fällt oft die Frage, was eigentlich gut funktioniert.
Hilfreich sind dabei aus meiner Sicht vor allem Erfahrungen, in denen die eigene Art nicht nur toleriert, sondern sinnvoll erlebt wird. Ein Beispiel wäre jemand, der in Gruppen sehr schnell Spannungen wahrnimmt und das lange nur als Belastung erlebt hat. In einem passenden Kontext kann genau dieselbe Fähigkeit plötzlich nützlich werden, etwa weil früh sichtbar wird, wo Missverständnisse entstehen. Solche Erfahrungen verändern das Selbstbild oft stärker als jede abstrakte Einsicht. Dann wird aus Mit mir stimmt etwas nicht eher So funktioniere ich, und das hat nicht nur Nachteile.
Kommunikation und Interpretation
Der zweite Punkt, der für mich unmittelbar mit dem Selbstbild zusammenhängt, ist Kommunikation. Gerade bei hochsensiblen Hochbegabten wirkt Kommunikation oft stärker nach, als es von außen sichtbar ist. Sprache wird nicht nur inhaltlich aufgenommen, sondern auch in Tonfall, Unterton, Stimmung und Beziehungsebene. Eine kurze Bemerkung kann deshalb innerlich deutlich mehr auslösen als nur ihren Sachinhalt.
Entscheidend ist für mich hier der Unterschied zwischen dem, was tatsächlich gesagt wurde, und dem, was daraus innerlich gemacht wird. Nicht jede unpassende oder verletzende Aussage ist automatisch böse gemeint. Manche Sätze kommen schroff, verkürzt oder unsortiert daher, einfach weil das Gegenüber gerade unter Druck steht oder selbst nicht gut sortiert ist. Für das Selbstbild macht es aber einen großen Unterschied, ob ich so einen Satz als momentane Unklarheit lese oder als Bestätigung eines alten inneren Musters.
Ein einfaches Beispiel wäre eine Rückmeldung wie Das war jetzt aber anstrengend. Das kann sachlich gemeint sein, etwa bezogen auf eine Situation oder einen Gesprächsverlauf. Bei jemandem mit einem ohnehin fragilen Selbstbild kann daraus aber sehr schnell werden Ich bin anstrengend. Ich bin zu viel. Ich sollte mich zurücknehmen. In solchen Momenten kippt die Wirkung nicht nur wegen des Satzes selbst, sondern wegen der Interpretation, die sich sofort daran heftet.
Verändern lässt sich diese Wirkung für mich vor allem dort, wo Interpretation bewusster wird. Also langsamer werden, nicht sofort mit dem alten Schmerz antworten, sondern erst prüfen, was wirklich gesagt wurde. Oft hängt sich an eine aktuelle Bemerkung noch etwas Älteres dran. Dann reagiere ich nicht nur auf das Jetzt, sondern auch auf frühere Erfahrungen von Kritik, Abwertung oder Nichtverstandensein.
Dazu kommt noch ein zweiter Punkt. Hochsensible Hochbegabte profitieren oft davon, ihre eigene Kommunikation klarer zu machen. Nicht nur viel zu spüren, sondern auch sagen zu können, was sie verstanden haben, was sie brauchen und wo sie etwas anders erlebt haben. Ein Selbstbild wird stabiler, wenn jemand merkt, dass er nicht nur empfindet, sondern sich auch verständlich machen kann. Dann entsteht weniger das Gefühl, bloß ausgeliefert zu sein.
Umgewichtung
Der dritte Punkt, der für mich eng damit verbunden ist, ist die Frage der Umgewichtung. Ich verstehe diesen Begriff so, dass alte Erfahrungen nicht verschwinden müssen, ihr Gewicht im heutigen Erleben aber verändert werden kann. Das erscheint mir besonders wichtig, weil viele Erfahrungen einmal sinnvoll waren. Sie haben Schutz, Orientierung oder Anpassung ermöglicht. Problematisch wird es dann, wenn sie noch lange weiterwirken, obwohl sie heute nicht mehr nützlich sind.
Gerade hochsensible Hochbegabte scheinen Erfahrungen oft nicht nur kognitiv zu erinnern, sondern mit ihrer emotionalen Ladung. Dadurch kann etwas Vergangenes in einer aktuellen Situation plötzlich wieder sehr gegenwärtig wirken. Man reagiert dann scheinbar auf das Hier und Jetzt, tatsächlich läuft aber etwas Älteres mit. Ein Beispiel wäre eine eher knappe Rückmeldung im Beruf, die sachlich gemeint ist, innerlich aber sofort das Gefühl auslöst, komplett falsch zu sein. Nach außen wirkt das vielleicht unverhältnismäßig. Innerlich ist es aber oft nachvollziehbar, weil nicht nur die aktuelle Situation reagiert, sondern auch eine frühere Bedeutung mitläuft.
Wichtig ist für mich deshalb zuerst die Unterscheidung, was wirklich zur Gegenwart gehört und was altes Material ist, das sich gerade wieder meldet. Allein diese Trennung schafft oft schon etwas mehr Spielraum. Umgewichtung heißt für mich dann, der alten Erfahrung einen anderen Platz zu geben. Nicht sie wegzudrücken, sondern sie neu einzuordnen.
Ein Beispiel wäre der Satz "Ich bin zu viel". Solange dieser Satz wie eine Wahrheit im Raum steht, wirkt er direkt auf das Selbstbild. Wenn daraus langsam wird Ich habe früh gelernt, mich zurückzunehmen, verschiebt sich etwas Entscheidendes. Im ersten Fall bin ich selbst das Problem. Im zweiten Fall wird eine Erfahrung beschrieben. Das nimmt dem alten Muster nicht sofort die Wirkung, aber es verändert seinen Status.
Hilfreich scheint mir außerdem, nicht nur auf belastende Erfahrungen zu schauen, sondern auch auf Gegenbilder. Also auf Situationen, in denen etwas gelungen ist, in denen ich klar, verbunden, wirksam oder stimmig war. Alte Erfahrungen verlieren oft nicht durch reine Einsicht an Gewicht, sondern dadurch, dass neue Erfahrungen innerlich stärker werden. Für mich ist das der eigentliche Kern von Umgewichtung.
Relevanz für Coaching
Für Coaching bedeutet das für mich vor allem Klärung. Nicht etwas wegmachen oder glätten, sondern verstehen, was da jeweils logisch ist. Oft hilft schon, das eigene Erleben sauberer zu unterscheiden. Was gehört zu mir. Was gehört zu einer alten Erfahrung. Was ist tatsächliche Rückmeldung. Und was ist meine Deutung davon.
Wenn das gelingt, verändert sich auch das Selbstbild. Dann wird aus Was stimmt denn nicht mit mir eher Ah, so funktioniere ich. Und so kann ich bewusster damit umgehen. 
Danke für das Lesen und Lg Nic



