ElternTalk 15.05.2026
Einleitung
Eltern hochsensibler und hochbegabter Kinder und Jugendlicher erleben ihren Familienalltag oft intensiv: starke Gefühle, tiefes Nachdenken, hohe Ansprüche, emotionale Überforderung und ein ständiges Kreisen um Probleme oder Konflikte. Dabei geraten Leichtigkeit, Verbindung und die vielen Ressourcen der Kinder leicht aus dem Blick.
Der Ansatz der Umgewichtung lädt dazu ein, den Fokus bewusst neu auszurichten. Nicht Schwierigkeiten sollen verdrängt werden – vielmehr geht es darum, ihnen nicht das gesamte emotionale Gewicht zu geben. Eltern lernen, Herausforderungen wahrzunehmen, ohne dass diese den Familienalltag dominieren. Gleichzeitig werden Stärken, Entwicklungsmöglichkeiten, Beziehung und innere Stabilität wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt.
Der folgende Dialog zwischen uns Coaches und fünf Elternteilen zeigt typische Situationen aus dem Alltag mit hochsensiblen und hochbegabten Kindern und Jugendlichen. Ergänzend bieten praktische Übungen konkrete Impulse für zuhause und unterstützen dabei, mehr Balance, Entlastung und Verbindung in das Familienleben zu bringen.
Dialog zum Thema „Umgewichtung – den Fokus neu setzen“
Teilnehmende:
* Katrin Wilcke (Coach)
* Clarissa Marchesan (Coach)
* Miriam (Mutter eines 9-jährigen Jungen)
* Daniel (Vater einer 14-jährigen Tochter)
* Aylin (Mutter von Zwillingen, 11 Jahre)
* Thomas (Vater eines 16-jährigen Sohnes)
* Sabine (Mutter einer 7-jährigen Tochter)
Einstieg
Katrin:
Willkommen heute zum Thema Umgewichtung. Viele Eltern hochsensibler und hochbegabter Kinder erleben, dass Probleme, Konflikte oder außergewöhnliche Verhaltensweisen irgendwann das gesamte Familienleben dominieren. Umgewichtung bedeutet: Wir verschieben bewusst Aufmerksamkeit, Bedeutung und Energie.
Clarissa:
Es geht nicht darum, Schwierigkeiten kleinzureden. Sondern darum, das innere Verhältnis zu verändern. Hochbegabte und hochsensible Kinder erleben oft alles intensiv – und Eltern übernehmen dieses Gewicht unbewusst mit.
Gesprächsrunde 1 – Das Problem bekommt zu viel Raum
Miriam:
Mein Sohn denkt ständig über Ungerechtigkeit nach. Wenn in der Schule etwas unfair läuft, ist der ganze Tag zerstört.
Katrin:
Und wie viel Raum nimmt das bei euch zuhause ein?
Miriam:
Eigentlich alles. Wir sprechen stundenlang darüber.
Clarissa:
Das ist verständlich. Hochsensible Kinder brauchen Resonanz. Aber manchmal wird das Problem dadurch „energetisch aufgeblasen“.
Daniel:
Das kenne ich. Meine Tochter analysiert jede soziale Situation bis ins Kleinste. Wir hängen dann ewig darin fest.
Katrin:
Genau hier beginnt Umgewichtung. Die Frage lautet nicht:
„Wie lösen wir das vollständig?“
Sondern:
„Wie verhindern wir, dass es 90 % unserer Aufmerksamkeit bekommt? Hierzu haben wir eine kleine Übung für euch parat.“
Übung 1: Der Aufmerksamkeits-Kreis
Clarissa:
Nehmt ein Blatt Papier und malt einen Kreis.
Teilt ihn auf in Bereiche:
* Schule
* Konflikte
* Interessen
* Verbindung/Familie
* Freude
* Ruhe
* Kreativität
* Körper/Wohlbefinden
Dann schätzt ehrlich ein:
Wie viel Raum bekommt jeder Bereich aktuell?"
Thomas:
Ich glaube, bei uns wären 70 % Leistung und Schule.
Clarissa:
Und genau das spüren Kinder. Nicht nur Worte wirken – auch Gewichtungen.
Gesprächsrunde 2 – Hochbegabung verstärkt Fokus
Sabine:
Meine Tochter kann sich total hineinsteigern. Wenn etwas nicht perfekt ist, denkt sie sofort, sie sei schlecht.
Katrin:
Viele hochbegabte Kinder haben ein extrem differenziertes Denken. Sie sehen zehn Ebenen gleichzeitig. Dadurch wirkt ein kleiner Fehler riesig.
Aylin:
Und wir Eltern versuchen dann sofort zu helfen.
Clarissa:
Ja. Aber Hilfe kann ungewollt bedeuten:
„Das ist tatsächlich ein riesiges Problem.“
Übung 2: Die Waage der Bedeutung
Katrin:
Stellt euch eine innere Waage vor.
Auf die eine Seite legt ihr:
* Fehler
* Konflikte
* Schulstress
Auf die andere:
* Ressourcen
* Humor
* Bindung
* Fähigkeiten
* Erholung
* Interessen
Viele Familien haben unbewusst eine überladene Problemseite.
Stellt euch nun folgende Reflexionsfragen:
1. Was bekommt bei uns zu viel Bedeutung?
2. Was bekommt zu wenig Aufmerksamkeit?
3. Welche Stärke unseres Kindes übersehen wir gerade?
Gesprächsrunde 3 – Emotionen mittragen oder begleiten?
Daniel:
Ich nehme die Gefühle meiner Tochter komplett mit nach Hause. Ich kann dann selbst kaum abschalten.
Clarissa:
Das passiert häufig bei feinfühligen Eltern. Besonders bei hochsensiblen Familien-Systemen.
Katrin:
Doch Kinder brauchen nicht Eltern, die mit untergehen. Sie brauchen Eltern, die emotional stabil mit am Ufer stehen.
Thomas:
Das klingt logisch. Aber wie macht man das praktisch?
Katrin:
Das zeigen wir euch anhand einer weiteren, effektiven Übung für den Alltag.
Übung 3: „Ich sehe es – und lasse es bei dir“
Clarissa:
Ein Satz für den Alltag:
> „Ich sehe, dass dich das sehr belastet.
> Und ich traue dir zu, damit Schritt für Schritt umzugehen.“
Das verbindet Mitgefühl mit Vertrauen.
Katrin:
Wichtig ist eure innere Haltung:
* Nicht retten
* Nicht wegreden
* Nicht dramatisieren
* Sondern HALTEN
Gesprächsrunde 4 – Die Gefahr der Identifikation
Aylin:
Manchmal dreht sich bei uns alles um die Besonderheiten der Kinder.
Katrin:
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Hochbegabung oder Hochsensibilität dürfen gerne erklärt werden – aber nicht zur gesamten Identität werden!
Clarissa:
Wenn Kinder ständig hören:
* „Du bist eben hochsensibel“
* „Du bist anders“
* „Du bist besonders kompliziert“
… dann entsteht leicht eine Fixierung.
Sabine:
Also eher normalisieren?
Clarissa:
Ja genau. Besonderheiten anerkennen, jedoch ohne sie zum Zentrum zu machen.
Übung 4: Ressourcen-Sprache
Katrin:
Formuliert typische Sätze einfach mal um.
Statt:
* „Du bist zu empfindlich.“
Lieber:
* „Du nimmst viel wahr.“
oder
Statt:
* „Du überdenkst alles.“
Lieber:
* „Dein Kopf arbeitet sehr gründlich.“
oder
Statt:
* „Das Problem ist riesig.“
Lieber:
* „Das fühlt sich gerade sehr groß an.“
Gesprächsrunde 5 – Umgewichtung im Familienalltag
Thomas:
Wie verhindert man, dass Probleme ständig alles überschatten?
Clarissa:
Durch bewusste Gegenpole. Überlegt einmal, was Familien wirklich brauchen.
Familien brauchen:
* Leichtigkeit
* Körperlichkeit
* Humor
* Natur
* Bewegung
* zweckfreie Zeit
Hochbegabte Kinder leben oft extrem im Kopf. Umgewichtung bedeutet auch: zurück in den Körper.
Übung 5: Der tägliche Gegenpol
Katrin:
Jeden Tag eine Aktivität ohne Leistungsziel:
Beispiele:
* gemeinsames Kochen
* Trampolin
* Musik hören
* Spaziergang
* Malen
* Lego bauen
* Tanzen
* Tiere beobachten oder was euch selbst noch so einfällt
Dabei gibt es eine wichtige Regel:
Kein Problemlösen währenddessen.
Abschlussrunde
Miriam:
Ich merke gerade, dass wir fast nur noch über Schwierigkeiten gesprochen haben.
Daniel:
Und dass unsere Aufmerksamkeit vieles verstärkt.
Sabine:
Die Idee mit der Waage nehme ich gerne mit, die finde ich toll.
Clarissa:
Umgewichtung heißt nicht:
„Das Problem ist unwichtig.“
Sondern:
> „Es bekommt nicht mehr die gesamte Bühne.“
Katrin:
Abschließend haben wir noch eine Idee für euch - das Beste kommt immer zum Schluß!
Die 3–3–3-Umgewichtung
Jeden Abend bitte notieren:
3 Dinge, die gelungen sind
(klein zählt auch)
3 Ressourcen des Kindes
(z. B. Humor, Kreativität, Empathie)
3 Momente von Verbindung
(Blickkontakt, gemeinsames Lachen, Nähe)
Katrin:
Hochsensible und hochbegabte Kinder brauchen vor allem Verständnis.
Clarissa:
Aber ebenso brauchen sie Eltern, die den Blick bewusst auf Kraft, Entwicklung und Leben erweitern können.
Katrin:
Wir bedanken uns herzlichst für eure Offenheit, es hat viel Freude bereitet und war eine wertvolle Gesprächsrunde. Wir sind gerne begleitend für euch und eure Kinder da!
Clarissa:
Ich schließe mich Katrins Worten an, dieses Thema Umgewichtung ist sehr wichtig und es kann vieles damit abgefedert werden, was im Alltag mit hochsensiblen hochbegabten Kindern und Jugendlichen sonst große Hürden darstellt. Meldet euch gern bei uns, lieben Dank für den schönen und stimmigen Abend!
Weitere Erfahrungen unter
https://akademie.tutorium-berlin.de/bibliothek/8/kurse/16401-elterntalk-mit-katrin



