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Clarissa Marchesan

Umgewichtung -Teil 9:

Manchmal liegt der weiße Stein schon lange in unserer Geschichte

Manchmal merken wir erst spät, dass wir angefangen haben, unser Leben vor allem nach dem zu betrachten, was gerade nicht funktioniert.

Was nicht reicht. Was nicht so geworden ist, wie wir es uns vorgestellt haben. Was andere nicht sehen oder nicht anerkennen. Und je länger wir darauf schauen, desto größer kann es sich anfühlen.

Neulich habe ich mit einem jungen Künstler gesprochen, den ich schon sehr lange kenne. Er war frustriert, weil seine Kunst nicht so ankommt, wie er es sich wünschen würde. Gleichzeitig braucht das Leben natürlich auch Sicherheit, und so arbeitet er inzwischen wieder fest, damit Geld reinkommt.

Ich konnte seinen Frust gut verstehen.

Denn wenn etwas, das einem wirklich viel bedeutet, plötzlich auch mit Erfolg, Anerkennung und Geld verbunden ist, verändert sich manchmal der Blick darauf. Das, was einmal Freude gemacht hat, bekommt plötzlich ein Gewicht, das es vorher gar nicht hatte.

Und während wir uns dann mit all diesen Dingen beschäftigen, vergessen wir manchmal etwas ganz Entscheidendes: Unsere Geschichte besteht nicht nur aus dem, was gerade schwer ist.

Ich habe ihn deshalb an eine Zeit erinnert, die schon sehr lange zurückliegt.

Als Kind hat er viel im Keller verbracht. Er hat sich dort seine eigenen Welten gebaut, Landschaften erschaffen, Figuren bemalt und sich in seinen Geschichten verloren. Die ersten Figuren waren natürlich noch nicht so detailliert wie das, was er heute macht. Aber er hat einfach weitergemacht. Und irgendwann wurde aus diesem Kind, das einfach ausprobiert hat, ein junger Künstler, der unglaublich fein und detailliert arbeiten kann.

Ich habe ihn gefragt, ob er sich noch daran erinnern kann, wie es damals für ihn war.

Nicht, wie gut die Figuren aussahen. Nicht, ob jemand sie bewundert hat. Sondern wie er sich dabei gefühlt hat.

Er fand die Frage zunächst nicht besonders toll. Vielleicht kennt man das ja: Man bekommt eine Frage gestellt und denkt erst einmal, was soll ich denn jetzt damit?

Aber ich wollte gar keine große Antwort.

Ich wollte nur, dass er sich irgendwann, wenn es ruhig ist, noch einmal an dieses Kind erinnert.

An dieses Gefühl, wenn man in einer eigenen Welt verschwindet und gar nicht darüber nachdenkt, was am Ende dabei herauskommt.

In unserem Gespräch kam auch Arno Stern und der Malort zur Sprache. Ich mag diesen Gedanken sehr, dass das Malen nicht immer etwas produzieren muss. Dass es einen Moment geben darf, in dem nicht das fertige Bild im Mittelpunkt steht, sondern das Tun selbst.

Und vielleicht war genau das der kleine Impuls, den er gerade gebraucht hat.

Nicht, um seinen Frust wegzumachen.
Nicht, um die Realität schönzureden, sondern um sich daran zu erinnern, dass da noch etwas anderes ist.

Später ging er ins Studio und malte einfach.
Er schrieb mir danach, dass es sich zunächst gar nicht besonders angefühlt habe. Und gerade das fand ich so schön. Denn irgendwann merkte er, dass genau dieses einfache Malen etwas in ihm berührt, das ihn glücklich macht.
Er muss nicht immer das außergewöhnlichste Bild malen. Er muss nicht jedes Mal beweisen, was er kann. Manchmal reicht es, im Moment zu sein und Freude daran zu haben.

Und genau da musste ich an meine weißen und schwarzen Steine denken.

Denn Umgewichtung bedeutet für mich nicht, dass wir die schwarzen Steine aus unserem Leben nehmen.
Der Frust bleibt. Die Enttäuschung bleibt. Die finanzielle Situation bleibt. Auch die Frage danach, ob die eigene Kunst gesehen und anerkannt wird, bleibt.

Aber vielleicht ist das eben nicht die ganze Geschichte.
Vielleicht liegt da noch ein weißer Stein.

Und manchmal liegt der nicht irgendwo in der Zukunft. Vielleicht liegt er schon seit vielen Jahren in unserer eigenen Geschichte.

In einer Erinnerung, in einem Gefühl, in einer Tätigkeit, die wir einmal geliebt haben.

In einem Moment, in dem wir uns leicht gefühlt haben, ohne überhaupt zu wissen, dass es Leichtigkeit war.

Das ist für mich Umgewichtung.

Nicht: „Denk jetzt positiv.“

Nicht: „Vergiss, was passiert ist.“

Und schon gar nicht: „Das Schwere ist doch gar nicht so schlimm.“

Sondern vielmehr die Frage:

Was gibt es noch?

Was war auch da?

Was hat mich getragen?

Was hat mir Freude gemacht?

Was habe ich vielleicht irgendwann aus den Augen verloren, weil das Leben, die Erwartungen oder mein eigener Anspruch immer lauter geworden sind?

Manchmal müssen wir gar keinen neuen weißen Stein suchen.
Manchmal müssen wir nur einen wiederfinden, den wir längst kennen.

Vielleicht hat der junge Künstler genau das getan.

Er hat nicht seine Vergangenheit zurückgeholt.

Er ist auch nicht wieder zum Kind geworden, aber er hat sich an etwas erinnert, das dieses Kind bereits wusste:

Ich kann etwas tun, einfach weil es mir Freude macht und vielleicht ist das manchmal eine der schönsten Formen von Umgewichtung.

Wir schauen auf unsere Geschichte und sehen plötzlich nicht mehr nur das, was schwer war.

Wir entdecken auch das, was uns einmal leicht gemacht hat und nehmen diesen weißen Stein wieder mit.