Umgewichtung – Teil 10
Wenn Stärke zur Erwartung wird
Manchmal tragen wir etwas in uns, das eigentlich eine Stärke ist.
Und irgendwann wird genau diese Stärke zu einer Erwartung.
Vielleicht kennst du das:
Du weißt, dass du schnell denken kannst.
Du erkennst Zusammenhänge.
Du kannst dich tief in Dinge hineindenken.
Du hast schon oft erlebt, dass du etwas verstanden hast, was andere nicht sofort gesehen haben.
Und irgendwann entsteht daraus ganz leise ein innerer Maßstab:
„Dann müsste ich das doch können.“
Und genau hier beginnt die Umgewichtung.
Denn vielleicht haben wir bisher vor allem auf die Momente geschaut, in denen diese Stärke nicht funktioniert hat.
Der Moment, in dem du etwas nicht verstanden hast.
Der Fehler, den du gemacht hast.
Die Prüfung, bei der du trotz deines Wissens schlecht abgeschnitten hast.
Der Satz eines anderen Menschen, der dich getroffen hat:
„Das musst du doch wissen.“
Vielleicht hast du diese Momente gespeichert.
Vielleicht sogar sehr gut.
Aber was ist mit den anderen?
Mit den Momenten, in denen dein Denken dir geholfen hat?
In denen du etwas entdeckt hast, was andere übersehen haben?
In denen du eine Lösung gefunden hast?
In denen du dich in ein Thema hineingearbeitet hast und plötzlich diese unglaubliche Freude gespürt hast: „Ah! Jetzt hab ich’s!“
Auch das gehört zu deiner Geschichte.
Das ist der weiße Stein.
Nicht, um den anderen Stein wegzunehmen.
Nicht, um die verletzende Erfahrung schönzureden.
Sondern um dein Bild von dir selbst vollständiger zu machen.
Vielleicht darf neben
„Ich müsste das doch können“
irgendwann stehen:
„Ich darf es auch noch nicht können.“
Neben
„Ich darf keinen Fehler machen“
darf stehen:
„Ich darf lernen.“
Und neben
„Wenn ich klug bin, müsste ich alles verstehen“
steht vielleicht:
„Meine Intelligenz bedeutet nicht, dass ich alles weiß. Sie bedeutet auch, dass ich neugierig bleiben darf.“
Das ist für mich Umgewichtung.
Wir löschen die Vergangenheit nicht.
Wir tun auch nicht so, als hätten uns bestimmte Sätze nicht verletzt.
Wir schauen nur noch einmal genauer hin.
Was habe ich über mich gelernt?
Welche Erwartungen habe ich übernommen?
Welche davon gehören wirklich zu mir?
Und welche darf ich heute ein Stück zurückgeben?
Vielleicht ist der weiße Stein am Ende gar nicht der Gedanke:
„Ich bin besonders klug.“
Vielleicht ist er viel einfacher:
„Ich muss nicht besonders sein, um richtig zu sein.“
Und vielleicht entsteht genau daraus eine neue Freiheit.
Die Freiheit, etwas nicht zu wissen.
Die Freiheit, nachzufragen.
Die Freiheit, Fehler zu machen.
Die Freiheit, manchmal völlig daneben zu liegen.
Und am nächsten Tag trotzdem wieder neugierig zu sein.
Das nimmt deiner Stärke nichts weg.
Es nimmt nur den Druck von ihr.
Und manchmal ist genau das die schönste Form von Umgewichtung



