ElternTalk 15.07.2026
Wenn Begabung zur Belastung wird – Hochbegabung, Hochsensibilität und die unsichtbaren Herausforderungen
Viele Eltern kennen diesen Moment:
"Mein Kind ist unglaublich klug – aber warum ist der Alltag trotzdem so schwierig?"
Ein Kind kann außergewöhnliche Gedanken haben, komplexe Zusammenhänge verstehen und eine besondere Wahrnehmung besitzen – und gleichzeitig mit Schule, Konzentration, Emotionen oder sozialen Situationen kämpfen.
In unserem heutigen ElternTalk sprechen wir mit Annemarie, Jola, Agnieszka und Natalia (Namen durften übernommen werden) über ihre persönlichen Erfahrungen:
• Wenn Kinder sagen: „Ich fühle mich anders.“
• Wenn Anpassung und Masking viel Energie kosten.
• Wenn hochbegabte Kinder trotzdem Konzentrationsprobleme haben.
• Wenn Motivation verschwindet und Schule zur Belastung wird.
• Wenn Eltern erleben, dass ihr Kind nicht ins klassische System passt.
• Wenn Unterstützung notwendig ist, obwohl ein Kind eigentlich „alles kann“.
Gemeinsam mit den Coaches Katrin & Clarissa schauen wir genauer hin:
🔹 Was steckt hinter bestimmten Verhaltensweisen?
🔹 Warum bedeutet Hochbegabung nicht automatisch einfache Schullaufbahn?
🔹 Welche Rolle spielen Hochsensibilität, Neurodivergenz und das Passungsmodell?
🔹 Wie können Eltern ihre Kinder stärken, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen?
Neben dem Austausch gibt es praktische Übungen für den Alltag:
• zur Selbstwahrnehmung
• zur Stressregulation
• zur Stärkung von Ressourcen
• für bessere Gespräche zwischen Eltern und Kindern
Denn manchmal brauchen Kinder nicht mehr Druck.
Sie brauchen Menschen, die sie wirklich verstehen.
Ein ElternTalk für alle Familien, die spüren: Da ist mehr hinter dem Verhalten meines Kindes.
„Wenn Begabung zur Belastung wird“
Ein Gespräch zwischen Eltern über Hochbegabung, Hochsensibilität, Anpassung und Schulstress
Katrin:
Herzlich willkommen zu unserem ElternTalk.
Heute möchten wir keinen Vortrag halten.
Heute möchten wir genau zuhören.
Denn oft entstehen die wichtigsten Erkenntnisse nicht nur durch Fachwissen, sondern durch den Austausch von Eltern, die ähnliche Wege gehen.
Clarissa:
Unsere heutige Frage lautet:
Was passiert, wenn ein Kind viel Potenzial hat – aber der Alltag trotzdem schwierig wird?
Wir sprechen über Kinder, die tief denken, sehr sensibel wahrnehmen, außergewöhnliche Interessen haben und trotzdem mit Schule, Konzentration oder sozialen Erwartungen kämpfen.
Runde 1:
„Mein Kind fühlt sich anders“
Annemarie:
Meine Tochter beschäftigt mich gerade sehr.
Sie ist unglaublich reflektiert.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich spreche mit einer viel älteren Person.
Sie stellt Fragen, die mich überraschen.
Aber gleichzeitig gibt es Situationen, in denen sie völlig überfordert wirkt.
Vor kurzem sagte sie in der OGS zu einem anderen Kind:
"In den Ferien bringe ich mich um."
Dabei hat sie gelacht.
Natürlich war das für alle ein Schock.
Wir nehmen das ernst.
Aber später kam ein Gespräch zwischen uns.
Sie sagte:
"Mama, ich fühle mich anders."
Und:
"In der Schule verstelle ich mich. Zuhause bin ich Marie."
Das hat mich sehr berührt.
Jola:
Annemarie, ich bekomme gerade Gänsehaut, weil mein Sohn etwas Ähnliches sagt.
Nicht genau diese Worte.
Aber er sagt oft:
"Mama, warum ist mein Kopf anders?"
Er kann Dinge erklären, die andere Kinder nicht interessieren.
Aber gleichzeitig fühlt er sich oft falsch.
Agnieszka:
Das kenne ich auch.
Mein Sohn sagt manchmal:
"Die anderen verstehen gar nicht, warum mich das beschäftigt."
Er denkt über Dinge nach, über die andere Kinder in seinem Alter gar nicht sprechen möchten.
Natalia:
Bei uns ist es eher anders herum.
Mein Sohn zeigt nach außen kaum etwas.
Viele denken:
"Der hat doch keine Probleme."
Aber ich sehe, wie viel Energie ihn manche Situationen kosten.
Katrin:
Was ihr beschreibt, begegnet vielen Familien hochsensibler oder neurodivergenter Kinder.
Ein häufiger Punkt ist:
Diese Kinder nehmen sehr viel wahr.
Sie denken intensiv.
Sie analysieren.
Sie spüren Stimmungen.
Das kann eine große Stärke sein.
Aber es kann auch anstrengend werden, wenn die Umgebung nicht dazu passt.
Clarissa:
Und Annemarie, der Satz:
"In der Schule verstelle ich mich."
ist besonders wichtig.
Manche Kinder entwickeln Strategien, um dazuzugehören.
Sie beobachten:
Wie muss ich reagieren?
Wann darf ich etwas sagen?
Was ist sozial akzeptiert?
Das kostet Kraft.
Katrin: Dazu kann ich euch gerne folgende Übungen an die Hand geben:
Übung 1: „Wo bin ich wirklich ICH?“
Gemeinsam mit dem Kind sammeln:
Hier kann ich ICH SELBST sein:
❤️ Menschen
❤️ Orte
❤️ Situationen
Hier muss ich mich sehr anstrengen:
▪︎ Schule
▪︎ Gruppen
▪︎ bestimmte Situationen
Übung 2: „Energie-Tank“
Abends fragen:
• Was hat heute Energie gegeben?
• Was hat Energie genommen?
• Was brauche ich morgen?
Runde 2:
„Hochbegabt – aber unorganisiert“
Jola:
Bei meinem Sohn ist das Thema Konzentration unser großes Problem.
Er ist hochbegabt getestet.
Er versteht komplizierte Dinge sehr schnell.
Aber Schule ist schwierig.
Er vergisst Material.
Er schreibt Aufgaben nicht auf.
Er träumt.
Lehrer sagen:
"Er könnte doch viel mehr."
Und genau das tut weh.
Natalia:
Das kenne ich.
Bei meinem Sohn war auch lange die Frage:
"Wenn er es kann, warum macht er es nicht?"
Dieser Satz hat mich irgendwann richtig gestört.
Denn er klingt so, als würde er absichtlich nicht wollen.
Agniszka:
Ja!
Bei uns war das genauso.
Irgendwann habe ich gemerkt:
Mein Sohn ist nach der Schule nicht faul.
Er ist eher richtig erschöpft.
Clarissa:
Das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Wir müssen unterscheiden:
Können und Umsetzen.
Ein Kind kann eine Aufgabe geistig verstehen und trotzdem Schwierigkeiten haben, sie zu organisieren.
Katrin:
Gerade bei begabten Kindern wird oft vergessen:
Auch sie müssen lernen.
Auch sie brauchen Strategien.
Auch sie dürfen Unterstützung bekommen. Hier könnten durchaus diese beiden Übungen helfen:
Übung 1:
„Das Gehirn braucht Hilfen“
Nicht fragen:
"Warum hast du es vergessen?"
Sondern:
"Welche Erinnerungshilfe könnte dein Gehirn unterstützen?"
Übung 2:
Mini-Schritte
Große Aufgabe:
"Mathe lernen"
wird zu:
☑ Buch holen
☑ Seite markieren
☑ Erste Aufgabe starten
Runde 3:
„Wenn Schule nicht mehr funktioniert“
Agniszka:
Mein Sohn ist elf.
Er macht inzwischen kaum noch mit.
Die Lehrer sind genervt.
Die Noten werden schlechter.
Dabei lernt er.
Er bemüht sich.
Aber er glaubt langsam selbst:
"Ich kann es nicht."
Jola:
Das tut mir weh zu hören.
Dieses Gefühl kenne ich.
Mein Sohn sagt manchmal:
"Ich bin doch nicht dumm, warum klappt es dann nicht?"
Annemarie:
Und genau das ist so schwer.
Die Kinder wissen oft selbst, dass sie eigentlich Fähigkeiten haben.
Sie verstehen nicht, warum ihr Alltag trotzdem so schwer ist.
Katrin:
Hier sehen wir häufig das Thema Passung.
Die Frage ist nicht nur:
"Was kann ein Kind?"
Sondern:
"Passt die Umgebung zu seinen Bedürfnissen?"
Clarissa:
Wenn ein Kind lange erlebt:
Ich strenge mich an.
Ich werde trotzdem kritisiert.
Ich passe trotzdem nicht.
Dann kann Motivation verloren gehen.
Nicht aus Faulheit.
Sondern aus Schutz.
Schaut mal, ob euch diese Übungen Unterstützung bieten können:
Übung 1:
Schul-Wetterkarte
Nach der Schule:
☀ Was war gut?
⛅ Was war schwierig?
🌧 Was war zu viel?
Übung 2:
Verhalten übersetzen
Statt:
"Er verweigert."
fragen:
"Was könnte dieses Verhalten ausdrücken?"
Runde 4:
„Förderbedarf trotz guter Leistungen“
Natalie:
Mein Sohn ist hochbegabt getestet.
Er hat gute Noten.
Er arbeitet mit.
Trotzdem bekam er eine Förderempfehlung wegen Konzentration und Arbeitstempo.
Mich hat das ehrlich gesagt verletzt.
Annemarie:
Ich finde spannend, dass du das sagst.
Bei uns ist es genau anders.
Bei uns sehen alle nur die Schwierigkeiten.
Bei euch sehen alle nur die Leistung.
Aber beides kann doch auch gleichzeitig existieren.
Jola:
Genau.
Ich glaube, das ist die wichtigste Erkenntnis:
Man darf nicht nur auf eine Seite schauen.
Clarissa:
Genau.
Ein Kind ist nicht entweder:
leistungsfähig
oder
hilfebedürftig.
Es kann beides sein.
Abschlussrunde
Katrin:
Wenn wir heute nach unserer spannenden Runde etwas mitgeben möchten, dann:
Schaut nicht nur auf Ergebnisse.
Schaut auf das Kind dahinter.
Clarissa:
Fragt weniger:
"Warum funktioniert es nicht?"
Und öfter:
"Was braucht dieses Kind, damit es sich entwickeln kann?"
Annemarie:
Ich nehme heute mit:
Mein Kind ist nicht falsch.
Vielleicht braucht es nur mehr Verständnis.
Jola:
Ich nehme mit:
Begabung bedeutet nicht automatisch Leichtigkeit.
Agniszka:
Ich nehme mit:
Verhalten erzählt eine Geschichte.
Natalia:
Und ich nehme mit:
Unterstützung ist keine Schwäche.
Katrin:
Danke für diesen offenen Austausch.
Und danke an alle Eltern, die zuhören und sich vielleicht sogar selbst wiedererkennen.
Clarissa:
Bis zum nächsten ElternTalk.
Gemeinsam schauen wir genauer hin.
Auf das ganze Kind.



